Es ist selbstverständlich überhaupt nichts dagegen einzuwenden, pessimistisch in die Zukunft zu blicken. Wenn der aufmerksame Mensch das, was er in der Gegenwart vorfindet, hochrechnet, muss er zwangsläufig schwarz sehen. So weit also nix Neues. Die Erde ist und bleibt ein Jammertal. Einziger Lichtblick: Deutschland. Die Popularitätswerte des einst so unbeliebten Landes und seiner Protagonisten steigen ins Unermessliche.
Den Deutschen mag man international
für eleganten Straßenkarneval,
für tolerantes Brot und leises Bier,
für Kreativität mit Altpapier.
Drum gilt der Deutsche auswärts als Sympath,
er ist sowohl vereinzelt wie als Staat,
aus den genannten Gründen sehr beliebt,
vor allem aber, weil er gerne gibt.
Der deutsche Papst schenkt jeder Seele Segen,
der deutsche Präsident den Wüsten Regen.
Die Bundeswehr lehrt gratis die Kabulen
Verfassungsrecht in bombenfesten Schulen.
Der deutsche Markt gibt allen Menschen Spar,
die Deutsche Bank den Griechen noch ein Jahr.
Die Abneigung der Welt hat sich gelegt,
auch weil Herr Löw sich mit Nivea pflegt.
Und auch Fritz Eckenga wird mit seinen international erfolgreichen Star-Gästen dafür sorgen, dass der Sympathie-Standort Deutschland zumindest im ersten Halbjahr 2012 nichts von seiner Attraktivität einbüßt.
Sonntag, 26. Februar 2012: Thorsten Sträter
Torsten Sträter hat ein großartiges Buch geschrieben. „Der David ist dem Goliath sein Tod“ – eine Sammlung sehr sanfter, poetischer, nahezu romantisch verspielter Geschichten, die man diesem sanften, poetischen, nahezu romantisch verspielten jungen Mann aus dem Ruhrgebiet zunächst mal gar nicht zutraut. Das liegt auch daran, dass er immer eine seiner 28 sehr großen Mützen trägt, mit denen er jegliche Anmutung romantischer Verspieltheit bewusst vermummt. So ist er in der Lage, wenigstens hin und wieder von den tragischen Vorkommnissen zu berichten, die sich um Struppis Bestattung ranken. Die Beerdigung eines extrem hässlichen, tiefgefrorenen Pudels wurde wohl noch nie so sanft, poetisch und brüllend komisch geschildert wie hier.
Sonntag, 01. April 2012: Kai Magnus Sting
Der Mann kommt aus Duisburg. Fahrtzeit bis Dortmund also etwa 45 Minuten. Es könnte sein, dass er sich in dieser Dreiviertelstunde nochmal eben ’ne Kleinigkeit schreibt, damit er im HCC ein bisschen was Frisches zum Vortrag bringen kann. Da Kai Magnus Sting aber ungefähr so zügig spricht wie ein AK 47 schießt, wird diese Kleinigkeit mindestens mittlere Romanstärke haben müssen, andernfalls wäre er ja schon nach 10 Minuten fertig mit Schnellreden. Die „Frankfurter Rundschau“ meinte mal, er erwecke „den Eindruck, als könnte er den Tod bewusstlos quatschen“. Gut beobachtet. Der Gastgeber weiß aus erster Hand, dass Kai Magnus Sting bereits jetzt 138 Jahre alt ist, aber immer noch aussieht wie ein 21-Jähriger.
Sonntag, 06. Mai 2012: Jess Jochimsen
Seitdem der Freiburger zum letzten Mal bei den „Dorfmitteilungen“ zu Gast war, ist sehr viel Neues entstanden. „Durst ist schlimmer als Heimweh“, ein enstpannt-literarischer Heimatabend mit ungewissem Ausgang, „Daneben-Leben“, ein fotografischer Streifzug durch das städtische Hinterland und zuletzt der Romanmonolog „Was sollen die Leute denken“, die berührende und komische Geschichte eines Mannes, der aufhört zu funktionieren. Jess Jochimsen ist ausschließlich in der Heimat unterwegs und hat von daher nur zwei Möglichkeiten: Trinken, um zu vergessen - oder: Augen offen halten und Zeugnis ablegen. Zu seinem und unserem Glück hat er sich für Letzteres entschieden.
Sonntag, 03. Juni 2012: Wiglaf Droste
Kurz vor dem Sommer bekommt der Gastgeber Besuch von seinem Freund Wiglaf Droste. Fritz Eckenga hat ihn oft gelobt. Heute tut es mal ein anderer, Helmut Mauró von der Süddeutschen Zeitung: „Pilze sind eine Leidenschaft, der man nach Tschernobyl nur noch literarisch frönen kann. Wie schade – und wie unterhaltsam, wenn Wiglaf Droste ihr frönt, fabulierend und reimend „Wo bist du, Bovist du“. Dabei ist es ziemlich egal, welchem Thema sich Droste zuneigt – das zeichnet ihn als realitätsgestählten Satireprofi aus. Ob es um das Brot des Monats geht, die Verbissenheitskulinarik der Zeitungstestesser oder die Dummheit der TV-Köche, Droste fährt ihnen mit einem geschliffenen Wortschwall in die Parade. Zur Hochform läuft er aber erst dann auf, wenn er wirklich leidet. Angesichts knotenwadiger Fitnessrentner etwa oder im Lärmschwall von Gerüstbauern, den Puhdys oder dieses „Mannheimer Wimmerschinkens“. Nach der Lektüre dieser Textsammlung (>Auf sie mit Idyll<) wuchern im Leser ebenfalls böse Gedanken: Droste muss noch viel mehr leiden und niederschreiben.
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| Alle Veranstaltungen werden von WDR 5 aufgezeichnet und am jeweiligen Abend um 20 Uhr in einer einstündigen Version "Streng öffentlich!" gesendet. |
| Informationen zum Veranstaltungsort Harenberg-City- Center in Dortmund: http://www.hcc-dortmund.de/ |
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